Kapitel 2: Lernen und Verantwortung

  

In diesem Kapitel möchten wir von unserem Lernprozess und den Bemühungen, Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen, berichten.

Wir möchten euch von unseren Erkenntnissen erzählen, die wir aus unserem Verhalten, dem Vorfall selbst, den daraus resultierenden öffentlichen und nicht öffentlichen Reaktionen und den Auswirkungen auf unsere persönlichen Biografien und Lebensumständen gewonnen haben.

Manche Sätze sind in der Ich-Form geschrieben. Das hat uns dabei geholfen, persönliche und Gruppenerfahrungen auseinander zu halten und trotzdem persönlichere Eindrücke vermitteln zu können. Dahinter steht die Tatsache, dass Einzelpersonen unter uns spezielle oder nur marginale Beziehung zum Täter und deshalb unterschiedliche Verantwortungsgefühle innerhalb der Gruppe hatten.


Was haben wir gelernt?

 

Der Fokus beim Umgang mit sexualisierten Übergriffen muss auf den Geschädigten (und Betroffenen) liegen, sowie das nähere und weitere Umfeld des Täters berücksichtigen.

Wir haben Verantwortung für die Informationen über die Taten selbst übernommen, nicht für ihre Weitergabe. Dabei waren wir auch noch wenig aufmerksam für die mögliche Bedeutung für und die Bedürfnisse von Betroffenen. Dazu kamen Loyalitätskonflikte, Manipulationen und Lügen des Täters sowie eine unzureichende Rücksichtnahme auf das private Umfeld des Täters. Diese (Ver-)Mischungen bergen die Gefahr, dass die Schutzräume von Betroffenen und Beteiligten sowie ihre persönlichen Lebenssituation missachtet und schlimmstenfalls zerstört werden.

Konzepte scheinen in Überforderungssituationen schnell erfolgsversprechend, weil sie Handlungsanleitungen enthalten und einen Ausweg aus der Hilflosigkeit bedeuten können. Eine mangelnde Auseinandersetzung kann aber genauso schnell zur Falschanwendung und damit schnell zum Scheitern führen. Mangelnde Kenntnis und Erfahrung in ihrer Anwendung insbesondere mit Konzepten für Täter-Betroffenen-Arbeit ist unverantwortlich und gefährlich. Die Konsultierung von Personen mit spezifischer Bildung oder einschlägiger Erfahrung ist bei der Anwendung von unbekannten, komplexen Konzepten unerlässlich – vor allem wenn es zentral um die Gefühle von Menschen geht. 

Wir glaubten von uns, in dieser Situation irgendwie nach bestem Wissen und Gewissen handeln zu können. Wir lernten, dass eigentlich nur die wenigsten Menschen praktische Erfahrung im ("richtigen") Umgang mit sexuellen Übergriffen im Freundes-, Arbeits- und Bekanntenkreis haben. 

Bei  Kenntnis über Handlungen sexualisierter Gewalt ist eine rasche Informationsweitergabe an das Umfeld und die potenziell Betroffenen sehr wichtig und (mit) das Einzige, was nahestehende Freund*innen in ihrem Loyalitätskonflikt noch tun sollten, um nicht Gefahr zu laufen, sich von dem Täter für seine Zwecke manipulieren zu lassen.

Jeder Mensch ist manipulierbar, gerade dem Täter nahestehende Personen sollten sich deshalb hüten, dem Täter Hilfestellungen zu geben. Sie sollten dem Täter weder Arbeit noch die Verantwortung für sein Handeln abnehmen. Stattdessen sollten erfahrene Menschen die Kommunikation und Arbeit mit dem Täter begleiten oder übernehmen.

Heute merken wir, dass die Vollversammlung am 4. Januar, auf der wir den Crew-Mitgliedern Informationen über die Tat mitteilten, auch so ruhig ablief, weil wir alle den vollen Umfang der Taten und das Ausmaß der Konsequenzen noch nicht vor Augen hatten. Heute ist uns bewusst, dass die Wut und Abwehr der Leute erst so richtig hochkam, als sie das Gefühl hatten sämtliche für sie relevante Informationen zu haben und selbst das Ausmaß der Situation erkannten. Wir hätten kritischer mit dieser Situation umgehen sollen. Das verstehen wir im Nachhinein besser. Wir hätten das Gefühl der Erleichterung nicht vor unsere Fähigkeit stellen sollen, diesen Prozess kritisch zu sehen. 


Was wollen wir noch lernen und weiter hinterfragen? 


Für einen Aufarbeitungsprozess haben wir mehrere Dinge erkannt: Wir wollen weiterhin/vermehrt professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, um unsere Fehler als Einzelpersonen und unsere Dynamiken als Gruppierung zu erkennen und zu hinterfragen. Sie hilft uns auch dabei, unsere Grenzen und Bedürfnisse sowie die von Betroffenen besonders in potenziellen Konfliktsituationen besser berücksichtigen zu können. Wir wünschen uns direkten oder indirekten Kontakt zu Betroffenen und Kritiker*innen, um ihre Bedürfnisse besser erkennen und verstehen zu können. So versuchen wir möglichst konstruktiv in Reflexions- und Aufarbeitungsprozesse zu gehen, als Einzelpersonen und im Zusammenhang mit anderen. 

Wir wollen weiter über unbewusste, dennoch entstandene Machtdynamiken innerhalb unserer Gruppe reden um diese in Gruppen, in denen wir arbeiten, zu erkennen und ungewollte Ungleichgewichte zu reduzieren.

Wir wollen verstehen, wie sich Kommunikation verändern muss, um vorzubeugen, dass sich Einzelpersonen nicht (zu-)trauen, Vorschläge anderer kritisch zu hinterfragen. Einer eventuellen Diskussion oder einem Streitgespräch aus dem Weg zu gehen, ist nicht der richtige Ansatz.

Wir wollen mehr über die Perspektiven von Betroffenen erfahren und wenn möglich Aufarbeitungs- und Heilungsprozesse unterstützen. 


Wofür fühle ich mich persönlich verantwortlich?


Ich fühle mich verantwortlich für mein unzureichendes Einfühlen und Nachdenken über die Situationen der potenziell Betroffenen Personen (später habe ich dieses Verhalten, in ähnlicher Form, dann sogar bei meinen eigenen Freunden der EKG aufrechterhalten). Ich fühle mich verantwortlich für mein Nichthandeln, mein nicht supporten, mein wirdschonwerden-glauben, mein naives Ihrbekommtdasschonhin-wieihrdasimmerhinbekommenhabt-Denken gegenüber meinen eigenen Freunden. Ich fühle mich verantwortlich für mein Wegschieben der Realität und Tatsachen; meine Ohnmacht und mein Ekel gegenüber den Taten. Ich fühle mich verantwortlich für meine Passivität und mein nicht-Wahrhabenwollen; die daraus resultierende Überforderung bei mir und uns allen, meine fehlende realistische Einschätzung der Situation bzw. einer treffenderen Prognose, was dieser Ereignisstrudel mit unseren Lebenssituationen anstellen könnte.

Ich fühle mich persönlich verantwortlich dafür, dass ich dachte, es wäre ein Problem, welches durch meine Hilfe zu lösen wäre. Daß ich geglaubt habe, der persönliche Schock den H. erlitten hat, wäre groß genug, um sich ändern zu wollen. Außerdem fühle ich mich verantwortlich dafür nicht erkannt zu haben, dass dieser Schock und das Sich-ändern-wollen (bei H.) gar nicht existierte. Ich fühle mich verantwortlich dafür, ihm geglaubt zu haben und diese Überzeugung immer wieder in die Gruppe getragen zu haben. Das hat die anderen sicherlich in ihren Entscheidungen beeinflusst.

Ich fühle mich verantwortlich für die (schlussendlich fehlgeschlagene) Zusammenarbeit mit Patrizia Schlosser, für das sich-einspannen- und manipulieren lassen.

Ich fühle mich dafür verantwortlich, mit Leuten aus meinem Umfeld, die sich schon länger mit dem Thema auseinandergesetzt haben, nicht geredet zu haben und nicht dort nach Hilfe gesucht zu haben.

Ich fühle mich dafür verantwortlich, durch das nicht einholen von Meinungen und Perspektiven Außenstehender, diese Situation viel zu lange falsch eingeschätzt zu haben und demzufolge vollkommen unangemessen und den Betroffenen, Ihren Bedürfnissen und Ihrem Schutz gegenüber in keinster Weise gerechtfertigt gehandelt zu haben.

Ich fühle mich verantwortlich, die damaligen Mitbewohner*innen des Täters, welche auch meine waren, nicht geschützt zu haben indem ich ihn z.B. dazu gebracht hätte, umgehend das Haus zu verlassen. 

Ich fühle mich dafür verantwortlich, nicht verhindert zu haben, dass der Täter weiterhin in einer öffentlichen Einrichtung tätig war. 

Ich fühle mich dafür verantwortliche, ein Konzept als richtig erachtet zu haben und dieses umzusetzen, welches an dieser Stelle und in dieser Situation weder gepasst noch besonders sinnvoll ohne professionelle Anleitung gewesen ist. 

Ich fühle mich dafür verantwortlich, anderen die Möglichkeit erschwert zu haben, sich zu der Tat von H. zu verhalten und ihn z.B. anzuzeigen; meine Freunde, Vertrauenspersonen, Außenstehende und Betroffene nicht umgehend informiert zu haben; nach Schuld und Lösungen gesucht zu haben, statt Verantwortung für die Weitergabe der Information zu übernehmen; Mitleid und nicht Mitgefühl mit den ("eingeweihten") Freund*innen von H. gehabt zu haben; mich auf der Arbeit der anderen ausgeruht zu haben; nicht den Mut für vieles gehabt zu haben.


Was habe ich gelernt?


Ich habe gelernt, dass meine Überforderung nicht zur positiven Veränderung einer Situation, sondern zu anhaltender Ohnmacht führt. Es fällt mir extrem schwer bzw. ist mir unmöglich da allein rauszukommen und wieder selbst aktiv zu werden. Dies ist ein Prozess, der immer noch andauert.

Ich habe gelernt, bei einem Gefühl von Unsicherheit auf dieses zu hören und es laut auszusprechen. Zudem ist es sinnvoll bei Entscheidungsprozessen innerhalb einer Gruppe immer wieder zu pausieren, um sich kritisch zu fragen, ob der gewählte Ansatz der richtige ist und um den eigenen Zustand richtig zu beurteilen. Mag durchaus sein, dass man gar nicht mehr fähig ist, richtig von falsch zu unterscheiden, weil andere Dinge, wie eben Überforderung und Hilflosigkeit und Ängste im Hintergrund unbemerkt Einfluss nehmen. Diese zu erkennen und zu benennen erfordert ein Maß an Selbstkenntnis und emotionaler Intelligenz, die ich nicht in die Gruppe hab einbringen können, und auch sonst eher ein Rares Feature in der EKG war. Wir haben ja alle erst mal ordentlich was über uns lernen müssen.

Bezogen auf die Vorwürfe, dass wir uns auch im Nachhinein nicht genügend geäußert haben bzw. Forderungen, Schritte der Gruppe (direkt) nach außen zu tragen, haben zu erneuter Ohnmacht geführt.

Ich habe gelernt, dass Täter meist nicht aufhören wollen Täter zu sein, sondern nur den Status Quo aufrechterhalten wollen. Dass man als befreundete Person nur Unterstützung anbieten kann, aber aufpassen muss nicht selbst zur Stütze zu werden.

Ich habe gelernt, dass es erleichternd und hilfreich ist, sich mit Informationen solcher Art mehreren Menschen anzuvertrauen. In einer größeren Gruppe ist die Vielseitigkeit von Ideen und Erfahrungen so wertvoll. Auch wenn es meist nicht leichter ist, in großen Gruppen Entscheidungen zu treffen, so lastet die Verantwortung auf vielen Schultern und eine gegenseitige Unterstützung ist möglich.


Was will ich noch lernen und weiter hinterfragen


Ich habe gelernt meine Privilegien, die ich durch meine heteronormative Männlichkeit erhalte, mehr zu hinterfragen und dadurch meine Rolle als männlich gelesene Person mehr zu reflektieren. Dies kann aber nur als Start eines Prozesses gesehen werden, den ich fortführen möchte.

Ich möchte lernen eine starke Frau zu sein, ohne dabei andere Menschen und ihre Bedürfnisse zu übersehen. Außerdem möchte ich lernen Aufgaben abzugeben und nicht immer alles kontrollieren zu wollen.


Wofür fühlen wir uns verantwortlich? 


Wir fühlen uns für den falschen Umgang mit den Informationen über die Taten von H. verantwortlich (Stichwort: Informationsweitergabe). Gegenüber betroffenen Menschen fühlen wir uns dafür verantwortlich, ihnen über mehrere Monate hinweg die Entscheidung genommen zu haben, selbst einen Umgang mit Täter und Tat zu finden.

Wir haben in unserem Handeln den Täter zu sehr in den Mittelpunkt gestellt, welches insbesondere mit der persönlichen Verbundenheit einiger zu ihm erklärt werden kann. Dabei haben wir unsere eigentliche Verantwortung, die Informationen über seine Taten weiterzugeben, vor uns hergeschoben. Wir wollten dafür einen geschützten Rahmen schaffen, was wir am 04.01.2020 bei der Vollversammlung auch umsetzen konnten. Allerdings viel zu spät. Die Verantwortung gegenüber der Bewohner*Innen des Hausprojektes, in welchem der Täter wohnte, wurde währenddessen weitestgehend ausgeblendet. Auch hier wurde das Wohl des Täters einmal mehr zu viel berücksichtigt.

Dass wir am 7. Januar nach Veröffentlichung der Reportage einen derart rücksichtslosen und kurzsichtigen Text auf der Webseite veröffentlicht haben, tut uns sehr leid. 


Wie übernehmen wir als Gruppe Verantwortung?

 

Eine stärkere Verantwortung für Transparenz übernehmen wir, indem wir hier und in Zukunft über Schritte in der Aufarbeitung und in der Kommunikation unter uns und mit anderen informieren. Dass unser Blog seit Anfang des Jahres nicht gefüttert wurde, liegt an vielen unterschiedlichen Dingen. Es hat lange gedauert, um unter uns überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen und uns über unsere Bedürfnisse und Pläne zu verständigen und klar zu werden. Dabei spielt die Verunsicherung, die der ganze Vorfall und der Umgang mit uns hervorgerufen hat, eine zentrale Rolle. Trotzdem möchten wir betonen, dass wir uns das ganze Jahr über intensiv mit den Vorfällen, den Konsequenzen und Reaktionen sowie mit uns selbst beschäftigt haben. Darüber in einem Text zu informieren fällt uns viel schwerer, als darüber zu sprechen. Aber wir bemühen uns weiterhin darum auch mit Rücksicht auf Personen, die nicht direkt mit uns sprechen wollen. 

Während der Supervision im Mai mit der gesamten Gruppe unter der Leitung einer erfahrenen Psychotherapeutin erkannten wir im Laufe des Gesprächs, dass wir unbewusst zwei Perspektivwandel in unserem Handlungs- und Denkprozess konstruiert hatten: 


1. Aus der Tat wurde H., also eine Verschiebung von Tat zu Täter

2. Aus der Verantwortung zur Weitergabe von Informationen wurde eine Verantwortung FÜR die Information (also die Tat)


Diese Perspektivwechsel führten dazu, dass wir Betroffene vor der Information und der Tat bzw. dem Täter schützen wollten. Wir wollten sie aus Rücksicht nicht mit der Information alleine lassen, bzw. die Informationen nicht einfach in die Welt setzen. Den Wiederspruch darin sahen wir damals nicht.

Einzelpersonen befinden sich abgesehen von professioneller Begleitung oder Beratung teils in intensiven Auseinandersetzungen und Aufarbeitungsprozessen mit Freund*innen und Bekannten. Eine Aufarbeitung mit Gruppen und Kollektiven findet bisher, wenn dann nur im Ansatz oder gar nicht statt. 

Anfang November organisierten wir einen zweitätigen Workshop mit einer professionellen Begleiterin (siehe Kapitel 1: Bericht). Eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Restorative Justice Konzept im Gegensatz zu Transformative Justice könnte eine Annäherung an die Aufarbeitung mit Betroffenen fördern und eine Wiederherstellung von Austausch und Verständigung in Gang setzen. Außerdem können wir damit weitere Schritte in unserer jeweiligen individuellen Aufarbeitung gehen. 

Im Vorfeld des Workshops wurden deswegen Emails von Rehzi Malzahn an verschiedene Betroffenengruppen und Interessent*innen geschickt, um über unser Zusammenkommen zu informieren und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, in unseren Aufarbeitungsprozess mit einzusteigen. Es ist der Versuch, einen neuen Weg für indirekte oder direkte Kontaktaufnahme und Kommunikation zu eröffnen. 

Hierbei war uns unter anderem wichtig, welche Bedürfnisse betroffene Personen uns rückmelden würden, wie und ob überhaupt Menschen mit uns in Kontakt treten wollen, was diese für Ihre eigenen Aufarbeitungsprozesse loswerden wollen, was sie uns für unseren Prozess mitgeben wollen und was wir in Zukunft eher tun oder eher lassen sollten.

Nach diesem intensiven Wochenende wurde von Rehzi Malzahn noch einmal eine E-Mail verfasst, in der mitgeteilt wurde, dass wir die zahlreichen Rückmeldungen erhalten haben und mehr Informationen über unseren eigenen Aufarbeitungsprozess zur Verfügung stellen wollen, indem wir in einem ersten Schritt einen neuen Text auf unserem Blog veröffentlichen wollen (als Anhang die Mails von Rehzi, siehe Kapitel rechte Seite )

Wir haben mit verschiedenen Gesprächspartner*innen und professionellen Mediator*innen bzw. Supervisor*innen eine Reflexion in Gang gesetzt, durch die wir einzelne und gruppenspezifische Vorgänge und Handlungsimpulse besser zu verstehen lernen. Wir haben uns dabei bemüht, mit unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehene zu blicken, um besser verstehen zu können, welche Enttäuschung und Verletzung wir bei vielen Betroffenen ausgelöst haben; was die Gründe und Fehler unseres Handelns und Nichthandelns waren; wie wir die Taten und den Vorfall selbst im Nachgang be- (und ver-)urteilen; wie wir die überraschende Veröffentlichung der Strg_f Reportage und die damit verbunden Auswirkungen und Konsequenzen für uns als Gruppe und insbesondere für uns als Individuen akzeptieren können.


Wie werden wir zukünftig Verantwortung übernehmen?


Mit unserer bisher stattgefundenen Arbeit hatten bzw. haben wir den Anspruch, eine Grundlage für eine Verantwortungsübernahme zu leisten, die die Bedürfnisse, Wünsche und Forderungen von Betroffenen mit einbeziehen.

Für uns bedeutet Verantwortungsübernahme auch, offen und ehrlich auf Fragen, die uns gestellt werden, zu antworten und dabei nichts zu beschönigen bzw. zu verändern, nur um besser da zu stehen. Die Fehler, die wir gemacht haben, wollen wir klar benennen und offen dafür sein, weitere Fehler aufgezeigt zu bekommen.

Durch diesen Prozess erhoffen wir uns außerdem, dass andere mit uns aus diesen Fehlern lernen können und in zukünftigen ähnlichen Situationen rücksichtsvoller handeln als wir.

Dieser Text soll als Kommunikationsangebot verstanden werden und der Start eines Wiederherstellungs- und Aufarbeitungsprozesses sein. Wir erhoffen uns fortlaufende Dialoge, in denen wir durch unsere Erkenntnisse aus den bisher getanen Schritten auf Augenhöhe neuen und alten Gesprächspartner*innen begegnen können.


Machtdynamiken - Wer hat Schuld?


Eine Auseinandersetzung mit unserer Machtdynamik ist für einige die Voraussetzung, um mit Personen der sog. EKG weiter arbeiten zu wollen bzw. zu können. Wir haben in verschiedenen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass durch die Analyse der   Machtdynamik ein Schuldgefälle definiert werden sollte. Dabei wird Einzelnen mehr Verantwortung für den Verlauf unseres (Nicht-)Handelns gegeben. Diese unterschiedlichen Verantwortlichkeiten haben sich dadurch ergeben, dass sich einige deutlich intensiver mit der Situation auseinandergesetzt haben, andere es eher versucht haben zu verdrängen.  Dabei waren alle grundlegend überfordert und handelten aus verschiedenen Motivationen, die sich auch durch die unterschiedlich emotionale Bindung zu H. ergaben. Diese hier im Detail zu veröffentlichen, widerspricht jedoch unserem Bedürfnis nach Integrität. Wir sehen uns auch gemeinsam in der Verantwortung (siehe Kapitel 3: Lernen und Verantwortung).

In diversen (Einzel-)Gesprächen, die wir in verschiedenen Konstellationen geführt haben, blieb eine gegenseitige Beeinflussung natürlich nicht aus. Einige von uns hatten den Impuls, die Reißleine zu ziehen, um einen grundlegend anderen Umgang zu finden. Das hätte bedeutet, umgehend potenziell Betroffene aufzuklären, Taten zu veröffentlichen, das Umfeld zu informieren und Distanz zum Täter herstellen. Diesen Impulsen wurde nicht nachgegangen.

Die Informationen über die Taten sexualisierter Gewalt hätten wir in keinem Fall so lange für uns behalten dürfen. Wir hatten jedoch auch nicht vor, dauerhaft eine Verschleierung zu konstruieren.

In einigen Gesprächen und Texten werden wir der Mittäterschaft beschuldigt. Diese Schuld lehnen wir ab, da wir erst lange Zeit nach den Taten auf dem Monis Rache Festival 2016 und 2018 darüber in Kenntnis gesetzt wurden. Mittäterschaft impliziert für uns, dass wir die Taten unterstützt hätten, sie durch Ignoranz geduldet oder sie wenigstens hätten verhindern können. Das trifft auf keinen von uns zu.  Dahingegen sehen sich einige von uns in der Verantwortung, was das Verhalten des Täters in dem Zeitraum betrifft, in dem wir bereits von seinen Taten wussten. Wir hätten ihn aktiver daran hindern müssen, weitere   Sexualkontakte zu haben. Es gab lediglich eine Absprache mit H., der zusagte, seine Sexualkontakte bis auf weiteres zu pausieren. Wie wir später erfuhren, hielt er sich jedoch keineswegs daran. Dass wir es nicht geschafft haben diese Personen zu warnen, tut uns leid. In diesem Punkt haben wir versagt und es wäre möglich gewesen, diese unter Umständen verletzenden Kontakte zu verhindern. Dafür möchten wir uns aufrichtig entschuldigen.