Freitag, 15. Januar 2021

3. Statement 15.01.2021

Einleitung


Wir möchten diesen Text den Menschen in die Hand geben, die von den Taten sexualisierter Gewalt auf dem Monis Rache Festival betroffen sind und/oder sich damit beschäftigen. Weitere Informationen über den Vorfall im Rahmen des Monis Rache Festivals findet ihr auch auf www.monisrache.wtf

 

Wir sind aktuell sieben von zehn Personen der sogenannten Erst-Kenntnis-Gruppe (EKG). Alle weiteren Personen befinden sich in eigenen Aufarbeitungsprozessen. Eigentlich würden wir diesen Gruppennamen gerne ablegen, aber der Einfachheit halber benutzen wir ihn hier. Das „Wir“ bezieht sich im gesamten Text immer nur auf einen Teil der sogenannten EKG. 

Im November 2020 haben wir die Publizistin und Aktivistin Rehzi Malzahn für eine unterstützende Aufarbeitung getroffen. Sie hat uns in unserem Bedürfnis nach mehr Offenheit und Austausch im Umgang mit Betroffenen und Kritiker*innen begleitet.

Dieser Text ist ein Ergebnis unserer Arbeit mit Rehzi und mit anderen Menschen in den Monaten vor und nach dem Treffen mit ihr im November. Er ist in mehrere Kapitel eingeteilt, die ihr je nach euren Bedürfnissen und Empfindungen getrennt oder zusammenhängend lesen könnt. Wenn ihr nur ein einzelnes Kapitel lesen wollt könnt ihr das rechts im Menü auswählen.

Mit diesem Text möchten wir mehr von uns erzählen und unseren Wunsch äußern, mehr über eure Sichtweisen & Gedanken herauszufinden. Für Austausch, Verständigung und Aufarbeitung ist ein wechselseitiges Wahrnehmen von Bedürfnissen notwendig. Wir wissen noch nicht, wie das am sinnvollsten für alle Beteiligten aussehen kann. 

Vielleicht schreiben wir an der einen oder anderen Stelle etwas holprig. Das liegt daran, dass Einzelpersonen oder Kleingruppen zu verschieden Zeitpunkten, von verschieden Orten aus, selbstständig an den Kapiteln gearbeitet haben.


In Kapitel 1 (Bericht) berichten wir von einigen Schritten, die wir seit Januar 2020 unternommen haben, mit dem Anspruch, unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Handlungen transparent zu machen.

In Kapitel 2 (Lernen und Verantwortung) möchten wir von unserem Lernprozess und der Verantwortung erzählen, die wir aus unserem Verhalten, dem Vorfall selbst und den daraus resultierenden öffentlichen und nicht öffentlichen Reaktionen und Auswirkungen ziehen. 

In Kapitel 3 (Was sind Eure Bedürfnisse und (wie) wollt ihr mit uns kommunizieren?) geht es uns darum, nach euren Wünschen und Bedürfnissen zu fragen und unsere Bereitschaft zu signalisieren sie zu hören.

In Kapitel 4 (Unsere Bedürfnisse und Grenzen) schreiben wir über unsere Gefühle und möchten unsere Bedürfnisse für eine Gesprächs- und Konfliktkultur mitteilen. 

Im Schlusswort fassen wir das Wesentliche zusammen und versuchen passende Abschlussworte zu finden. 


BEVOR IHR ANFANGT ZU LESEN...

Wir möchten euch mitteilen, dass wir euch und euer Leid gesehen haben und auch jetzt noch sehen. Wir bedauern dieses Leid und wünschen uns, dass ihr die Heilung findet und die Aufmerksamkeit entgegengebracht bekommt, die ihr euch wünscht. Dass ihr unter unserem Verhalten gelitten habt, dafür möchten wir aufrichtig um Verzeihung bitten.


Wie die EKG entstanden ist

Die so genannte "Erst-Kenntnis-Gruppe" ist eine Gruppierung von Einzelpersonen, die auf verschiedenen Wegen zu unterschiedlichen Zeitpunkten Kenntnis von den Taten erhielten. Einzelne Personen wurden vom Täter selbst gewählt und von ihm über seine Taten informiert, nachdem im September 2019 eine Mail von Patrizia Schlosser (Reporterin Strg_f) innerhalb der Monis Rache Crew diskutiert wurde. Die Aussagen des Täters gegenüber P. Schlosser und den von ihm gewählten Personen entsprachen nur teilweise der Wahrheit. Die durch den Täter informierten Personen haben sich mit ihm in unregelmäßigen Abständen getroffen. Sie standen dem Täter emotional teilweise sehr nah, waren über mehrere Jahre eng mit ihm befreundet und wohnten teils mit ihm zusammen. Es ging in den Treffen darum, den Täter mit seinen Taten zu konfrontieren und ihn die Verantwortung dafür übernehmen zu lassen.

Andere Personen wurden von der Reporterin P. Schlosser Anfang Oktober über die Taten informiert, ohne dabei jedoch die Identität des Täters zu kennen. Im Laufe der nächsten Wochen konnten sie anhand der Informationen von P. Schlosser nur Mutmaßungen über seine Identität anstellen. Nach Rücksprache mit einzelnen, dem Täter nahestehenden Personen, hat sich eine Vermutung dann bestätigt. Sie haben keine Gespräche mit dem Täter geführt und kannten ihn hauptsächlich durch die Begegnungen im Kontext des Auf- und Abbaus bei Monis Rache. 

Wieder andere wurden aufgrund der emotionalen Überforderung einiger Wissender eingeweiht, um diese Personen zu unterstützen und sie zu beraten. Sie haben so die getroffenen Entscheidungen gewissermaßen mitgetragen oder auch indirekt beeinflusst. Die sogenannte EKG ist als heterogene Gruppierung von Einzelpersonen zu verstehen, die weder freiwillig noch selbstbestimmt Teil dieser Gruppierung wurden und nicht zu jedem Zeitpunkt aktiv an der Arbeit mit dem Täter beteiligt waren. Einige hatten vorher keinen persönlichen Bezug zueinander.


Kapitel 1: Bericht

 

In diesem Absatz möchten wir euch berichten, wie unsere bisherige Aufarbeitung seit Januar 2020 verlief, an welchen Treffen wir teilgenommen und mit welchen Themen wir uns auseinandergesetzt haben.

Was vor Januar 2020 passiert ist und vielleicht für euch relevant für das Verständnis der Darstellungen hier im Text sein könnte, könnt ihr unter anderem hier auf diesem Blog  und auf www.monisrache.wtf lesen

Wir fangen den Bericht mit den ersten Vollversammlungen von Monis Rache 2020 an, weil hier für uns einige Gefühle und Prozesse entstanden sind, die für die weiteren Ereignisse und die anschließende Aufarbeitung ausschlaggebend waren und die wir im Folgenden versuchen wollen zu beschreiben. Der Bericht ist also eine Mischung aus eher wenig emotionalen Beschreibungen davon, was passiert ist einerseits und emotionaleren Passagen, in denen wir auf unsere eigene Wahrnehmung dieser Situationen eingehen. 


4. Januar 2020: Monis Rache Vollversammlung (Berlin)

Vorbereitend auf dieses Treffen mit der Monis Rache Crew haben wir uns mit zwei Mediator*innen getroffen und Ende Dezember die gesamte Crew auf dieses besondere Thema der Vollversammlung hingewiesen. Einige von uns haben ihr Bedürfnis, diesen Schritt möglichst bald zu gehen, schon im Oktober 2019 vehement geäußert. Letztendlich haben sich andere Stimmen, die z.B. erst eine Beratung in Anspruch nehmen wollten, durchgesetzt. 

In Begleitung der Mediatorinnen vom Kollektiv Zwischen*räume informierten fünf Personen der EKG einen Kreis von ca. 30 Personen der Monis Crew (die anwesenden Personen der Vollversammlung) über die Tat von H., die geplante Reportage von Strg_f und unser Handeln der letzten Monate. Gemeinsam vereinbarte die Vollversammlung 

(1.) möglichst viele Crew-Mitglieder von Monis Rache zu informieren, 

(2.) ein Statement zu der aktuellen Situation und dem Vorfall zu erarbeiten, um nicht Patrizia Schlosser und ihrer Reportage diese Verantwortung zu überlassen und 

(3.) Initiativen für Betroffene sexualisierter Gewalt und Gruppen zu informieren, damit es eine gut vorbereitete Betroffenenarbeit geben kann. 

Patrizia Schlosser (Reporterin Strg_f) hatte die Veröffentlichung ihrer Reportage für Ende Januar, Anfang Februar angekündigt. 

Den Namen des Täters gaben wir nicht an die Anwesenden weiter. *

Die Versammlung verlief aus unserer Sicht erstaunlich ruhig. Natürlich waren viele langjährige Freund*innen, Bekannte und Kolleg*innen geschockt und verletzt, was vor allem die fünf Personen der EKG noch zusätzlich zu ihrer Verantwortung für diesen Schritt ziemlich mitnahm. Aber die Anwesenden waren überwiegend verständnisvoll und dankbar für unser Handeln. Das gab uns Zuversicht und Hoffnung für einen guten weiteren Verlauf. 

 

* Darauf hatten wir uns im Vorhinein geeinigt, weil wir befürchteten, dadurch den Kontakt zum Täter für einen späteren Aufarbeitungsprozess mit Betroffenen zu verlieren und auch seinen Erkenntnis- und Einsichtsprozess zu gefährden. Über einige Infobroschüren kamen wir zu dem Konzept „Transformative Justice“, das irgendwie überzeugend wirkte. Es passte auf den ersten Blick zur kritischen Haltung von einigen von uns gegenüber der sozialen und gesellschaftlichen Wirkungsweise und Praxis staatlicher Strafverfolgung und kam unseren Gedanken an einen Aufarbeitungsprozess sehr nah, der unserer Ansicht nach mit Täter und Betroffenen hätte stattfinden sollen. Leider hatten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgiebig mit diesem Konzept und möglichen Alternativen wie dem restorative Justice Konzept auseinandergesetzt, die letztendlich viele einforderten. Rückblickend gesehen überschätzten wir unser Urteils- und Handlungsvermögen, was durch Loyalitätskonflikte und viele soziale/emotionale Bindungen nicht nur zum Täter, sondern auch zu Betroffenen und Menschen aus der Monis Crew beeinflusst war. Hinzu kam tatsächlich auch eine gewisse Angst vor einer Selbstjustiz aus linken Strukturen.


7. Januar 2020: Veröffentlichung der Reportage "Spannervideos" 

Auf dem YouTube-Kanal von Strg_f wurde die Reportage von Patrizia Schlosser plötzlich doch schon hochgeladen. Eine Stunde vorher teilte sie dies per Mail der sog. EKG mit.

Viele Moni Crew-Mitglieder waren bis dato noch nicht über den aktuellen Stand und die Vollversammlung vom 4. Januar informiert. In dieser überraschenden und überfordernden Situation wurde spontan ein Statement verfasst und auf der Kommunikationsplattform der Monis Rache Crew geteilt. Ohne großartiges Feedback wurde der von mehreren Personen der sog. EKG verfasste Text veröffentlicht.

Es folgten diverse Gespräche mit Einzelpersonen und Gruppen - unter anderem mit Menschen aus der Monis Rache Crew, im Arbeitskontext oder im Wohnumfeld wie beispielsweise im Leipziger Wohnprojekt, in welchem u.a. der Täter und vier Menschen der sogenannten EKG wohnten. 

Die Ereignisse und Gespräche überschlugen sich - uns wurde Wut und Empörung entgegengebracht und wir hatten das Gefühl, nun doch alles falsch gemacht zu haben, uns erklären, verteidigen und rechtfertigen zu müssen. Völlig überfordert, versuchten wir möglichst viele Informationen zu teilen, unser Handeln zu erklären und nach Fehlern zu suchen. Wir signalisierten unsere Gesprächsbereitschaft und unser Bedürfnis nach gemeinsamer Aufarbeitung. 


11. Januar 2020: Monis Rache Vollversammlung (Leipzig)

Der wesentliche Teil dieser Versammlung fand ohne uns statt, um ohne unsere Einflussnahme und Nähe zum Täter über die Situation und die nächsten Schritte sprechen zu können. Außerdem wurde uns von einem Teil der Gruppe Misstrauen entgegengebracht. Die Mediator*innen vom 4. Januar waren wieder dabei.

Während ca. 20-30 Personen diskutierten und anfingen ein Statement zu formulieren, liefen wir durch die Stadt und zerbrachen uns die Köpfe mit unseren Fragen, wie die anderen wohl auf uns reagieren werden, was sie als nächstes tun werden und wie es für uns weiter gehen könnte. 

Zum Ende der Vollversammlung trafen wir uns draußen mit den anderen Crew-Mitgliedern und nahmen im Anschluss an einer Abschlussrunde teil, in der wir alle unsere Bedürfnisse und Gefühle mitteilten. Dann ließen wir auf Wunsch der VV den verbliebenen Rest der Crew mit der Erarbeitung der Stellungnahme wieder allein. Die Stimmung war emotional angespannt. Einige Menschen wandten sich entschieden von uns ab, andere lagen sich weinend in den Armen. Es war ein Gefühl von Chaos, aber auch noch einer gewissen Nähe zwischen uns und den anderen Crew-Mitgliedern.

Ab hier waren wir die "Erst-Kenntnis-Gruppe". Irgendwer hatte sich diesen Namen am Ende der Versammlung ausgedacht und das Bedürfnis nach einer Bezeichnung für diese Gruppierung war deutlich spürbar. 

Im Anschluss an die Veröffentlichung des nächsten Statements der sog. EKG auf der Monis Rache Webseite, das sofort zerrissen wurde, wuchs die öffentliche Empörung über das Verhalten von uns und der Monis Rache Crew. Der Prozess verselbstständigte sich und es entstanden Gefühle von Hilflosigkeit, Überforderung und Distanz bei uns.

Redeten wir viel miteinander in diesen Tagen? Keine Ahnung, einzelne sicherlich schon, andere zogen sich eher zurück. Die ganze Sache fing an, weitere Kreise zu ziehen - Zeitungsartikel, Gespräche im Arbeitskontext, die Clicks auf YouTube stiegen immer weiter an. Eine öffentliche Auseinandersetzung zu dem Vorfall und über das Thema im Allgemeinen hatten wir erwartet und finden wir gut. Das wollten wir von Anfang an. Aber die Schnelligkeit und Härte, mit der diskutiert und geurteilt wurde, war überfordernd.


18. Januar 2020: Monis Rache Vollversammlung (Berlin)

Weil wir mittlerweile als Gefährder*innen für eine Arbeit mit und für Betroffene gesehen wurden und dies auch so empfanden, nahmen wir an den Vollversammlungen und der Aufarbeitung der Monis Crew grundsätzlich nicht mehr teil. Für diese Vollversammlung war jedoch eine Befragung der EKG geplant, um die für ein neues langes Statement und die Betroffenenarbeit relevanten Informationen zu sammeln. Nach einigem Warten in einem Café irgendwo in Neukölln, wurden wir (4 Personen) in die Versammlung gebeten. 

Ca. 30-40 Crew-Mitglieder saßen uns gegenüber und befragten uns zu unserem Handeln und den Entscheidungen, die wir in dem Prozess bis Anfang Januar getroffen hatten. Es wurde betont und versucht, die Befragung möglichst rücksichtsvoll durchzuführen. In dem Versuch möglichst sachlich zu bleiben, wurde Frage auf Frage vorgelesen.

Verkrampft versuchten wir, möglichst umfangreich und klar zu antworten - ab und zu brachen einige in der Versammlung in Tränen aus. Das war die einzige Emotionalität, die wir in dieser Versammlung miteinander teilten. Nachdem die Befragung durch war, hielten sich einige Leute noch im Arm. Anschließend ging die Versammlung ohne uns weiter. 

Weitere offizielle Gespräche mit der Monis Rache Crew fanden danach bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht statt. 


Ende Januar bis Mai 2020

Soziale Beziehungen, Kulturräume, Wohnprojekte, Arbeits- und Freizeitgruppen und linkspolitische Projekte formulierten Ausschlüsse und Hausverbote.  Fünf Menschen verloren ihr zu Hause und mussten teilweise in Anbetracht von Anfeindungen und Ausschlüssen den Wohnort verlassen.

Die vielseitige Aufregung über unser Handeln konnten wir mittlerweile in vielen Teilen nachvollziehen. Die Annahme und Abwehr der Vorwürfe und Kritik hat sich bei jeder und jedem von uns unterschiedlich gestaltet. Gleichzeitig hatten wir das Bedürfnis nach Aufarbeitung, waren jedoch überwiegend von dem Kontakt zu Betroffenen und Crew-Mitgliedern abgeschnitten. Deshalb entschieden wir uns für Stellungnahmen unsererseits und einen öffentlichen Blog, über den wir unsere Verarbeitungsprozesse, Bedürfnisse, Fehler und Verantwortungsübernahme transparent machen können würden. 

Noch im Januar und Anfang Februar kamen wir zweimalig für mehrere Tage zusammen, um intensiv an den Texten zu arbeiten, die wir auf unserem Blog https://oeffentlichkeitsarbeit-ekg.blogspot.com/  veröffentlichten. Wir haben lange über das richtige Medium diskutiert.  Weil nur noch Einzelpersonen und ganz selten noch eine Gruppe mit uns überhaupt kommunizieren wollte, war der Blog für uns das geeignete Medium. 

Die Unzufriedenheit und Erschütterung in Anbetracht unserer neuen Situationen und Ausgrenzungen und natürlich die Corona-Pandemie brachten erstmal eine Zwangspause in unsere weitere gemeinsame Verarbeitung der Ereignisse. 

Wir eröffneten eine Telegram-Gruppe mit fast allen Mitgliedern, aus der jedoch zeitweise immer wieder Leute austraten aufgrund von persönlicher Überforderung. Mittlerweile nutzen wir diese Telegram-Gruppe nur noch, um Treffen zu vereinbaren oder wichtige Informationen zu teilen. Für einen ausführlichen Austausch, in dem auch immer Emotionen eine Rolle spielen, ist das kein gutes Medium.

In ein paar Videokonferenzen vereinbarten wir, professionelle Unterstützung aufzusuchen und am Ball zu bleiben. Einige von uns führten individuell Gespräche mit Einzelpersonen, schrieben Stellungnahmen oder zogen sich zurück in den Austausch mit noch verbliebenen engen Freund*innen.


Ende Mai 2020: Supervision (Leipzig)

Mit der gesamten sogenannten EKG trafen wir uns zu einer zweitägigen Supervision mit Ursula Schmieg, einer Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Supervision, Mediation und Beratung, die vor allem in schwierigen Gruppendynamiken Hilfe anbietet, in Leipzig. An diesem Treffen waren das erste Mal alle von "uns"(sog. EKG) beteiligt. Das Ziel der Supervision war es, mehr Klarheit über unsere Reaktionen und unser Handeln zu bekommen und uns in unseren Positionen zu stabilisieren. 

Am ersten Tag beschäftigten wir uns überwiegend mit der Rekonstruktion der Ereignisse seit September 2019, mit den Konsequenzen und unseren jeweiligen Empfindungen dazu. Es ging hauptsächlich um unsere damaligen persönlichen Situationen, die geprägt waren von Beziehungsabbrüchen, Ausschlüssen, Vorwürfen und Unsicherheiten. 

Weiterhin thematisierten wir unseren Wunsch nach Rehabilitation, insbesondere in linken Gruppen und Räumen in Leipzig und Berlin, welche uns seither aus diversen Lokalen und Vereinen ausschließt.

Das Ergebnis der Supervision war diesbezüglich ernüchternd und stellt sich verbildlicht wie folgt dar: Uns wurden die Türen für einen Austausch über Bedürfnisse und Empfindungen verschlossen. Wenn uns die Türen durch unser Gegenüber nicht wieder geöffnet werden, ist ein Versuch der Annäherung vergeblich. Wir rennen nur immer wieder erneut gegen die verschlossenen Türen. Das führte immer wieder zu Schmerz und ein Austausch auf Augenhöhe ist erst möglich, wenn die Menschen, die uns ausschließen und verurteilen dazu ihre Bereitschaft zeigten. Uns wurde damals angeraten, diese Situation zu akzeptieren und sich lieber mit Care- und Trauerarbeit über verlorene Beziehungen zu beschäftigen.


Mai bis November 2020 

Alle Einzelpersonen beschäftigten sich individuell und/oder in kleinen Gruppen mit Aufarbeitungsarbeit und führten Gespräche in jeweiligen sozialen Umfeldern. Wir recherchierten nach professioneller Unterstützung und setzten uns mit Veröffentlichungen sowie Texten in der Presse und in linken Kanälen auseinander. Eine weitere Supervision fand in diesem Zeitraum nicht statt.


5-7. November 2020: Workshop zum weiteren gemeinsamen Vorgehen

Mit Rehzi Malzahn, auf die wir aufmerksam wurden durch den Artikel "Eine andere Konfliktkultur aufbauen" (Jungle World 29 v. 16. Juli 2020, S. 18) haben wir (7 Personen) diskutiert und erarbeitet, wie wir unsere Erkenntnisse öffentlich kommunizieren können. Innerhalb von zwei Tagen ging es darum, unsere jeweiligen Verarbeitungsprozesse zu sammeln und zu überlegen, wie eine Aufarbeitung der Geschehnisse zusammen mit Kritiker*innen und u.U. Betroffenen aussehen kann.

Vorbereitend auf das Treffen bauten wir über Rehzi Malzahn Kontakt zu Betroffenengruppen auf, um über unsere Zusammenarbeit zu informieren. Von diesen Gruppen wünschten wir uns Anregungen für unsere zweitätige Arbeit und für unseren weiteren Aufarbeitungsprozess. Im Hinblick auf die Wiederherstellung eines Austauschs baten wir um die Mitteilung ihrer Wünsche, Interessen, Bedenken und Bedürfnisse, aber auch um Vorwürfe, Kritik und Fragen über unser Handeln. 

Am ersten Tag berichteten wir erneut über den gesamten Verlauf der Ereignisse, über unsere Gefühle und Erkenntnisse. Wir sammelten die Vorwürfe, die uns gemacht werden und die Verantwortung, die wir für unser Handeln und gegenüber Betroffenen übernehmen wollen. Dieser erste Tag war enorm anstrengend, weil wir alles Verletzende und Fehlerhafte aufs Neue hochholen mussten. Es war aber nötig als Grundlage für den zweiten Tag. 

Rehzi erzählte uns einige Grundlagen zu Restorative Justice im Vergleich zu Transformative Justice und wir diskutierten über die Konflikt- und Verarbeitungskulturen in linken Strukturen. 

Am zweiten Tag ging es vor allem um mögliche Formate der Aufarbeitung und die Textarbeit als unser aktuell einziges wirksames Mittel der gemeinsamen Kommunikation nach außen. Wir machten Textübungen und sammelten beim Betrachten der Ergebnisse vom Vortag die wesentlichen Punkte für einen neuen Text zusammen. Außerdem sprachen wir länger über das Thema Machtdynamiken und wie unsere unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsübernahmen sich auf die Vorgänge ausgewirkt haben könnten.


Ein Ergebnis des Workshops ist dieser Text. 


Kapitel 2: Lernen und Verantwortung


In diesem Kapitel möchten wir von unserem Lernprozess und den Bemühungen, Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen, berichten.

Wir möchten euch von unseren Erkenntnissen erzählen, die wir aus unserem Verhalten, dem Vorfall selbst, den daraus resultierenden öffentlichen und nicht öffentlichen Reaktionen und den Auswirkungen auf unsere persönlichen Biografien und Lebensumständen gewonnen haben.

Manche Sätze sind in der Ich-Form geschrieben. Das hat uns dabei geholfen, persönliche und Gruppenerfahrungen auseinander zu halten und trotzdem persönlichere Eindrücke vermitteln zu können. Dahinter steht die Tatsache, dass Einzelpersonen unter uns spezielle oder nur marginale Beziehung zum Täter und deshalb unterschiedliche Verantwortungsgefühle innerhalb der Gruppe hatten.


Was haben wir gelernt?

 

Der Fokus beim Umgang mit sexualisierten Übergriffen muss auf den Geschädigten (und Betroffenen) liegen, sowie das nähere und weitere Umfeld des Täters berücksichtigen.

Wir haben Verantwortung für die Informationen über die Taten selbst übernommen, nicht für ihre Weitergabe. Dabei waren wir auch noch wenig aufmerksam für die mögliche Bedeutung für und die Bedürfnisse von Betroffenen. Dazu kamen Loyalitätskonflikte, Manipulationen und Lügen des Täters sowie eine unzureichende Rücksichtnahme auf das private Umfeld des Täters. Diese (Ver-)Mischungen bergen die Gefahr, dass die Schutzräume von Betroffenen und Beteiligten sowie ihre persönlichen Lebenssituation missachtet und schlimmstenfalls zerstört werden.

Konzepte scheinen in Überforderungssituationen schnell erfolgsversprechend, weil sie Handlungsanleitungen enthalten und einen Ausweg aus der Hilflosigkeit bedeuten können. Eine mangelnde Auseinandersetzung kann aber genauso schnell zur Falschanwendung und damit schnell zum Scheitern führen. Mangelnde Kenntnis und Erfahrung in ihrer Anwendung insbesondere mit Konzepten für Täter-Betroffenen-Arbeit ist unverantwortlich und gefährlich. Die Konsultierung von Personen mit spezifischer Bildung oder einschlägiger Erfahrung ist bei der Anwendung von unbekannten, komplexen Konzepten unerlässlich – vor allem wenn es zentral um die Gefühle von Menschen geht. 

Wir glaubten von uns, in dieser Situation irgendwie nach bestem Wissen und Gewissen handeln zu können. Wir lernten, dass eigentlich nur die wenigsten Menschen praktische Erfahrung im ("richtigen") Umgang mit sexuellen Übergriffen im Freundes-, Arbeits- und Bekanntenkreis haben. 

Bei  Kenntnis über Handlungen sexualisierter Gewalt ist eine rasche Informationsweitergabe an das Umfeld und die potenziell Betroffenen sehr wichtig und (mit) das Einzige, was nahestehende Freund*innen in ihrem Loyalitätskonflikt noch tun sollten, um nicht Gefahr zu laufen, sich von dem Täter für seine Zwecke manipulieren zu lassen.

Jeder Mensch ist manipulierbar, gerade dem Täter nahestehende Personen sollten sich deshalb hüten, dem Täter Hilfestellungen zu geben. Sie sollten dem Täter weder Arbeit noch die Verantwortung für sein Handeln abnehmen. Stattdessen sollten erfahrene Menschen die Kommunikation und Arbeit mit dem Täter begleiten oder übernehmen.

Heute merken wir, dass die Vollversammlung am 4. Januar, auf der wir den Crew-Mitgliedern Informationen über die Tat mitteilten, auch so ruhig ablief, weil wir alle den vollen Umfang der Taten und das Ausmaß der Konsequenzen noch nicht vor Augen hatten. Heute ist uns bewusst, dass die Wut und Abwehr der Leute erst so richtig hochkam, als sie das Gefühl hatten sämtliche für sie relevante Informationen zu haben und selbst das Ausmaß der Situation erkannten. Wir hätten kritischer mit dieser Situation umgehen sollen. Das verstehen wir im Nachhinein besser. Wir hätten das Gefühl der Erleichterung nicht vor unsere Fähigkeit stellen sollen, diesen Prozess kritisch zu sehen. 


Was wollen wir noch lernen und weiter hinterfragen? 


Für einen Aufarbeitungsprozess haben wir mehrere Dinge erkannt: Wir wollen weiterhin/vermehrt professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, um unsere Fehler als Einzelpersonen und unsere Dynamiken als Gruppierung zu erkennen und zu hinterfragen. Sie hilft uns auch dabei, unsere Grenzen und Bedürfnisse sowie die von Betroffenen besonders in potenziellen Konfliktsituationen besser berücksichtigen zu können. Wir wünschen uns direkten oder indirekten Kontakt zu Betroffenen und Kritiker*innen, um ihre Bedürfnisse besser erkennen und verstehen zu können. So versuchen wir möglichst konstruktiv in Reflexions- und Aufarbeitungsprozesse zu gehen, als Einzelpersonen und im Zusammenhang mit anderen. 

Wir wollen weiter über unbewusste, dennoch entstandene Machtdynamiken innerhalb unserer Gruppe reden um diese in Gruppen, in denen wir arbeiten, zu erkennen und ungewollte Ungleichgewichte zu reduzieren.

Wir wollen verstehen, wie sich Kommunikation verändern muss, um vorzubeugen, dass sich Einzelpersonen nicht (zu-)trauen, Vorschläge anderer kritisch zu hinterfragen. Einer eventuellen Diskussion oder einem Streitgespräch aus dem Weg zu gehen, ist nicht der richtige Ansatz.

Wir wollen mehr über die Perspektiven von Betroffenen erfahren und wenn möglich Aufarbeitungs- und Heilungsprozesse unterstützen. 


Wofür fühle ich mich persönlich verantwortlich?


Ich fühle mich verantwortlich für mein unzureichendes Einfühlen und Nachdenken über die Situationen der potenziell Betroffenen Personen (später habe ich dieses Verhalten, in ähnlicher Form, dann sogar bei meinen eigenen Freunden der EKG aufrechterhalten). Ich fühle mich verantwortlich für mein Nichthandeln, mein nicht supporten, mein wirdschonwerden-glauben, mein naives Ihrbekommtdasschonhin-wieihrdasimmerhinbekommenhabt-Denken gegenüber meinen eigenen Freunden. Ich fühle mich verantwortlich für mein Wegschieben der Realität und Tatsachen; meine Ohnmacht und mein Ekel gegenüber den Taten. Ich fühle mich verantwortlich für meine Passivität und mein nicht-Wahrhabenwollen; die daraus resultierende Überforderung bei mir und uns allen, meine fehlende realistische Einschätzung der Situation bzw. einer treffenderen Prognose, was dieser Ereignisstrudel mit unseren Lebenssituationen anstellen könnte.

Ich fühle mich persönlich verantwortlich dafür, dass ich dachte, es wäre ein Problem, welches durch meine Hilfe zu lösen wäre. Daß ich geglaubt habe, der persönliche Schock den H. erlitten hat, wäre groß genug, um sich ändern zu wollen. Außerdem fühle ich mich verantwortlich dafür nicht erkannt zu haben, dass dieser Schock und das Sich-ändern-wollen (bei H.) gar nicht existierte. Ich fühle mich verantwortlich dafür, ihm geglaubt zu haben und diese Überzeugung immer wieder in die Gruppe getragen zu haben. Das hat die anderen sicherlich in ihren Entscheidungen beeinflusst.

Ich fühle mich verantwortlich für die (schlussendlich fehlgeschlagene) Zusammenarbeit mit Patrizia Schlosser, für das sich-einspannen- und manipulieren lassen.

Ich fühle mich dafür verantwortlich, mit Leuten aus meinem Umfeld, die sich schon länger mit dem Thema auseinandergesetzt haben, nicht geredet zu haben und nicht dort nach Hilfe gesucht zu haben.

Ich fühle mich dafür verantwortlich, durch das nicht einholen von Meinungen und Perspektiven Außenstehender, diese Situation viel zu lange falsch eingeschätzt zu haben und demzufolge vollkommen unangemessen und den Betroffenen, Ihren Bedürfnissen und Ihrem Schutz gegenüber in keinster Weise gerechtfertigt gehandelt zu haben.

Ich fühle mich verantwortlich, die damaligen Mitbewohner*innen des Täters, welche auch meine waren, nicht geschützt zu haben indem ich ihn z.B. dazu gebracht hätte, umgehend das Haus zu verlassen. 

Ich fühle mich dafür verantwortlich, nicht verhindert zu haben, dass der Täter weiterhin in einer öffentlichen Einrichtung tätig war. 

Ich fühle mich dafür verantwortliche, ein Konzept als richtig erachtet zu haben und dieses umzusetzen, welches an dieser Stelle und in dieser Situation weder gepasst noch besonders sinnvoll ohne professionelle Anleitung gewesen ist. 

Ich fühle mich dafür verantwortlich, anderen die Möglichkeit erschwert zu haben, sich zu der Tat von H. zu verhalten und ihn z.B. anzuzeigen; meine Freunde, Vertrauenspersonen, Außenstehende und Betroffene nicht umgehend informiert zu haben; nach Schuld und Lösungen gesucht zu haben, statt Verantwortung für die Weitergabe der Information zu übernehmen; Mitleid und nicht Mitgefühl mit den ("eingeweihten") Freund*innen von H. gehabt zu haben; mich auf der Arbeit der anderen ausgeruht zu haben; nicht den Mut für vieles gehabt zu haben.


Was habe ich gelernt?


Ich habe gelernt, dass meine Überforderung nicht zur positiven Veränderung einer Situation, sondern zu anhaltender Ohnmacht führt. Es fällt mir extrem schwer bzw. ist mir unmöglich da allein rauszukommen und wieder selbst aktiv zu werden. Dies ist ein Prozess, der immer noch andauert.

Ich habe gelernt, bei einem Gefühl von Unsicherheit auf dieses zu hören und es laut auszusprechen. Zudem ist es sinnvoll bei Entscheidungsprozessen innerhalb einer Gruppe immer wieder zu pausieren, um sich kritisch zu fragen, ob der gewählte Ansatz der richtige ist und um den eigenen Zustand richtig zu beurteilen. Mag durchaus sein, dass man gar nicht mehr fähig ist, richtig von falsch zu unterscheiden, weil andere Dinge, wie eben Überforderung und Hilflosigkeit und Ängste im Hintergrund unbemerkt Einfluss nehmen. Diese zu erkennen und zu benennen erfordert ein Maß an Selbstkenntnis und emotionaler Intelligenz, die ich nicht in die Gruppe hab einbringen können, und auch sonst eher ein Rares Feature in der EKG war. Wir haben ja alle erst mal ordentlich was über uns lernen müssen.

Bezogen auf die Vorwürfe, dass wir uns auch im Nachhinein nicht genügend geäußert haben bzw. Forderungen, Schritte der Gruppe (direkt) nach außen zu tragen, haben zu erneuter Ohnmacht geführt.

Ich habe gelernt, dass Täter meist nicht aufhören wollen Täter zu sein, sondern nur den Status Quo aufrechterhalten wollen. Dass man als befreundete Person nur Unterstützung anbieten kann, aber aufpassen muss nicht selbst zur Stütze zu werden.

Ich habe gelernt, dass es erleichternd und hilfreich ist, sich mit Informationen solcher Art mehreren Menschen anzuvertrauen. In einer größeren Gruppe ist die Vielseitigkeit von Ideen und Erfahrungen so wertvoll. Auch wenn es meist nicht leichter ist, in großen Gruppen Entscheidungen zu treffen, so lastet die Verantwortung auf vielen Schultern und eine gegenseitige Unterstützung ist möglich.


Was will ich noch lernen und weiter hinterfragen


Ich habe gelernt meine Privilegien, die ich durch meine heteronormative Männlichkeit erhalte, mehr zu hinterfragen und dadurch meine Rolle als männlich gelesene Person mehr zu reflektieren. Dies kann aber nur als Start eines Prozesses gesehen werden, den ich fortführen möchte.

Ich möchte lernen eine starke Frau zu sein, ohne dabei andere Menschen und ihre Bedürfnisse zu übersehen. Außerdem möchte ich lernen Aufgaben abzugeben und nicht immer alles kontrollieren zu wollen.


Wofür fühlen wir uns verantwortlich? 


Wir fühlen uns für den falschen Umgang mit den Informationen über die Taten von H. verantwortlich (Stichwort: Informationsweitergabe). Gegenüber betroffenen Menschen fühlen wir uns dafür verantwortlich, ihnen über mehrere Monate hinweg die Entscheidung genommen zu haben, selbst einen Umgang mit Täter und Tat zu finden.

Wir haben in unserem Handeln den Täter zu sehr in den Mittelpunkt gestellt, welches insbesondere mit der persönlichen Verbundenheit einiger zu ihm erklärt werden kann. Dabei haben wir unsere eigentliche Verantwortung, die Informationen über seine Taten weiterzugeben, vor uns hergeschoben. Wir wollten dafür einen geschützten Rahmen schaffen, was wir am 04.01.2020 bei der Vollversammlung auch umsetzen konnten. Allerdings viel zu spät. Die Verantwortung gegenüber der Bewohner*Innen des Hausprojektes, in welchem der Täter wohnte, wurde währenddessen weitestgehend ausgeblendet. Auch hier wurde das Wohl des Täters einmal mehr zu viel berücksichtigt.

Dass wir am 7. Januar nach Veröffentlichung der Reportage einen derart rücksichtslosen und kurzsichtigen Text auf der Webseite veröffentlicht haben, tut uns sehr leid. 


Wie übernehmen wir als Gruppe Verantwortung?

 

Eine stärkere Verantwortung für Transparenz übernehmen wir, indem wir hier und in Zukunft über Schritte in der Aufarbeitung und in der Kommunikation unter uns und mit anderen informieren. Dass unser Blog seit Anfang des Jahres nicht gefüttert wurde, liegt an vielen unterschiedlichen Dingen. Es hat lange gedauert, um unter uns überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen und uns über unsere Bedürfnisse und Pläne zu verständigen und klar zu werden. Dabei spielt die Verunsicherung, die der ganze Vorfall und der Umgang mit uns hervorgerufen hat, eine zentrale Rolle. Trotzdem möchten wir betonen, dass wir uns das ganze Jahr über intensiv mit den Vorfällen, den Konsequenzen und Reaktionen sowie mit uns selbst beschäftigt haben. Darüber in einem Text zu informieren fällt uns viel schwerer, als darüber zu sprechen. Aber wir bemühen uns weiterhin darum auch mit Rücksicht auf Personen, die nicht direkt mit uns sprechen wollen. 

Während der Supervision im Mai mit der gesamten Gruppe unter der Leitung einer erfahrenen Psychotherapeutin erkannten wir im Laufe des Gesprächs, dass wir unbewusst zwei Perspektivwandel in unserem Handlungs- und Denkprozess konstruiert hatten: 


1. Aus der Tat wurde H., also eine Verschiebung von Tat zu Täter

2. Aus der Verantwortung zur Weitergabe von Informationen wurde eine Verantwortung FÜR die Information (also die Tat)


Diese Perspektivwechsel führten dazu, dass wir Betroffene vor der Information und der Tat bzw. dem Täter schützen wollten. Wir wollten sie aus Rücksicht nicht mit der Information alleine lassen, bzw. die Informationen nicht einfach in die Welt setzen. Den Wiederspruch darin sahen wir damals nicht.

Einzelpersonen befinden sich abgesehen von professioneller Begleitung oder Beratung teils in intensiven Auseinandersetzungen und Aufarbeitungsprozessen mit Freund*innen und Bekannten. Eine Aufarbeitung mit Gruppen und Kollektiven findet bisher, wenn dann nur im Ansatz oder gar nicht statt. 

Anfang November organisierten wir einen zweitätigen Workshop mit einer professionellen Begleiterin (siehe Kapitel 1: Bericht). Eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Restorative Justice Konzept im Gegensatz zu Transformative Justice könnte eine Annäherung an die Aufarbeitung mit Betroffenen fördern und eine Wiederherstellung von Austausch und Verständigung in Gang setzen. Außerdem können wir damit weitere Schritte in unserer jeweiligen individuellen Aufarbeitung gehen. 

Im Vorfeld des Workshops wurden deswegen Emails von Rehzi Malzahn an verschiedene Betroffenengruppen und Interessent*innen geschickt, um über unser Zusammenkommen zu informieren und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, in unseren Aufarbeitungsprozess mit einzusteigen. Es ist der Versuch, einen neuen Weg für indirekte oder direkte Kontaktaufnahme und Kommunikation zu eröffnen. 

Hierbei war uns unter anderem wichtig, welche Bedürfnisse betroffene Personen uns rückmelden würden, wie und ob überhaupt Menschen mit uns in Kontakt treten wollen, was diese für Ihre eigenen Aufarbeitungsprozesse loswerden wollen, was sie uns für unseren Prozess mitgeben wollen und was wir in Zukunft eher tun oder eher lassen sollten.

Nach diesem intensiven Wochenende wurde von Rehzi Malzahn noch einmal eine E-Mail verfasst, in der mitgeteilt wurde, dass wir die zahlreichen Rückmeldungen erhalten haben und mehr Informationen über unseren eigenen Aufarbeitungsprozess zur Verfügung stellen wollen, indem wir in einem ersten Schritt einen neuen Text auf unserem Blog veröffentlichen wollen (als Anhang die Mails von Rehzi, siehe Kapitel rechte Seite)

Wir haben mit verschiedenen Gesprächspartner*innen und professionellen Mediator*innen bzw. Supervisor*innen eine Reflexion in Gang gesetzt, durch die wir einzelne und gruppenspezifische Vorgänge und Handlungsimpulse besser zu verstehen lernen. Wir haben uns dabei bemüht, mit unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehene zu blicken, um besser verstehen zu können, welche Enttäuschung und Verletzung wir bei vielen Betroffenen ausgelöst haben; was die Gründe und Fehler unseres Handelns und Nichthandelns waren; wie wir die Taten und den Vorfall selbst im Nachgang be- (und ver-)urteilen; wie wir die überraschende Veröffentlichung der Strg_f Reportage und die damit verbunden Auswirkungen und Konsequenzen für uns als Gruppe und insbesondere für uns als Individuen akzeptieren können.


Wie werden wir zukünftig Verantwortung übernehmen?


Mit unserer bisher stattgefundenen Arbeit hatten bzw. haben wir den Anspruch, eine Grundlage für eine Verantwortungsübernahme zu leisten, die die Bedürfnisse, Wünsche und Forderungen von Betroffenen mit einbeziehen.

Für uns bedeutet Verantwortungsübernahme auch, offen und ehrlich auf Fragen, die uns gestellt werden, zu antworten und dabei nichts zu beschönigen bzw. zu verändern, nur um besser da zu stehen. Die Fehler, die wir gemacht haben, wollen wir klar benennen und offen dafür sein, weitere Fehler aufgezeigt zu bekommen.

Durch diesen Prozess erhoffen wir uns außerdem, dass andere mit uns aus diesen Fehlern lernen können und in zukünftigen ähnlichen Situationen rücksichtsvoller handeln als wir.

Dieser Text soll als Kommunikationsangebot verstanden werden und der Start eines Wiederherstellungs- und Aufarbeitungsprozesses sein. Wir erhoffen uns fortlaufende Dialoge, in denen wir durch unsere Erkenntnisse aus den bisher getanen Schritten auf Augenhöhe neuen und alten Gesprächspartner*innen begegnen können.


Machtdynamiken - Wer hat Schuld?


Eine Auseinandersetzung mit unserer Machtdynamik ist für einige die Voraussetzung, um mit Personen der sog. EKG weiter arbeiten zu wollen bzw. zu können. Wir haben in verschiedenen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass durch die Analyse der   Machtdynamik ein Schuldgefälle definiert werden sollte. Dabei wird Einzelnen mehr Verantwortung für den Verlauf unseres (Nicht-)Handelns gegeben. Diese unterschiedlichen Verantwortlichkeiten haben sich dadurch ergeben, dass sich einige deutlich intensiver mit der Situation auseinandergesetzt haben, andere es eher versucht haben zu verdrängen.  Dabei waren alle grundlegend überfordert und handelten aus verschiedenen Motivationen, die sich auch durch die unterschiedlich emotionale Bindung zu H. ergaben. Diese hier im Detail zu veröffentlichen, widerspricht jedoch unserem Bedürfnis nach Integrität. Wir sehen uns auch gemeinsam in der Verantwortung (siehe Kapitel 3: Lernen und Verantwortung).

In diversen (Einzel-)Gesprächen, die wir in verschiedenen Konstellationen geführt haben, blieb eine gegenseitige Beeinflussung natürlich nicht aus. Einige von uns hatten den Impuls, die Reißleine zu ziehen, um einen grundlegend anderen Umgang zu finden. Das hätte bedeutet, umgehend potenziell Betroffene aufzuklären, Taten zu veröffentlichen, das Umfeld zu informieren und Distanz zum Täter herstellen. Diesen Impulsen wurde nicht nachgegangen.

Die Informationen über die Taten sexualisierter Gewalt hätten wir in keinem Fall so lange für uns behalten dürfen. Wir hatten jedoch auch nicht vor, dauerhaft eine Verschleierung zu konstruieren.

In einigen Gesprächen und Texten werden wir der Mittäterschaft beschuldigt. Diese Schuld lehnen wir ab, da wir erst lange Zeit nach den Taten auf dem Monis Rache Festival 2016 und 2018 darüber in Kenntnis gesetzt wurden. Mittäterschaft impliziert für uns, dass wir die Taten unterstützt hätten, sie durch Ignoranz geduldet oder sie wenigstens hätten verhindern können. Das trifft auf keinen von uns zu.  Dahingegen sehen sich einige von uns in der Verantwortung, was das Verhalten des Täters in dem Zeitraum betrifft, in dem wir bereits von seinen Taten wussten. Wir hätten ihn aktiver daran hindern müssen, weitere   Sexualkontakte zu haben. Es gab lediglich eine Absprache mit H., der zusagte, seine Sexualkontakte bis auf weiteres zu pausieren. Wie wir später erfuhren, hielt er sich jedoch keineswegs daran. Dass wir es nicht geschafft haben diese Personen zu warnen, tut uns leid. In diesem Punkt haben wir versagt und es wäre möglich gewesen, diese unter Umständen verletzenden Kontakte zu verhindern. Dafür möchten wir uns aufrichtig entschuldigen.



Kapitel 3: Was sind Eure Bedürfnisse und (wie) wollt ihr mit uns kommunizieren?


Uns fällt es sehr schwer einzuschätzen, ob wir Betroffene ansprechen sollen und wenn ja auf welche Art und Weise. Eure Meinungen und Erfahrungen sind für unsere Aufarbeitung wichtig Und wir hoffen, ihr seht Möglichkeiten, mit uns in einen Austausch zu kommen.

Ein respektvoller Umgang ist sehr wichtig und bei uns ist angekommen, dass wir uns nicht ausreichend respektvoll verhalten haben.

Die verschiedenen Forderungen, die von euch an uns herangetragen worden sind, reichen von "lasst uns in Ruhe" bis "wann hört man mal wieder was von euch". Das hat uns in ein Dilemma gebracht: Wir möchten begangene Fehler nicht wiederholen. Wir möchten nicht ungefragt andere Menschen mit unserer Rolle, unserem Handeln und dem Thema konfrontieren. Gleichzeitig bemerken wir, dass sich einzelne eine Zusammenarbeit mit dem Ziel der Aufarbeitung bzw. eine gemeinsame Aufarbeitung wünschen.

Es ist nicht leicht einen „richtigen“ Umgang damit zu finden und mit uns in einen Dialog zu treten, das ist aber okay. Es ist genauso okay, wenn Leute Gefühle wie Hass fühlen und das Bedürfnis nach Rache verspüren.

Wir wissen heute, dass wir uns zu viel um den Täter und seine Tat gedreht haben und dabei die Betroffenen zu wenig im Blick hatten. Das war nie unsere Absicht und tut uns aufrichtig leid. Es ist uns wichtig nachzuvollziehen, wie und warum es uns trotzdem passiert ist – damit auch andere daraus lernen können und vielleicht unsere Fehler in ihrem eigenen Handeln wiedererkennen, wenn sie in ähnlichen Situationen stecken.

Dieser Text soll unser Vorschlag für eine rücksichtsvolle Kommunikation auf Augenhöhe sein.


Wir möchten euch folgende Kommunikationskanäle vorschlagen:


  • 1. schreibt uns eine Mail an rueckmeldungen-2021@posteo.de, um uns Feedback und Anregungen für unseren eigenen Aufarbeitungsprozess und den Anstoß von Gesprächen mitzuteilen.


Per E-Mail können wir eure Anregungen und Feedbacks aufnehmen, einen ausführlicheren Dialog per Mail finden einige von uns schwierig. Für weitergehenden Austausch könnt ihr euch gerne mit weiteren Vorschlägen an uns wenden, z.B. für:


  • 2. ein persönliches Gespräch mit Personen aus unserer Gruppe

  • 3. ein moderiertes Gespräch mit Personen aus unserer Gruppe (An der Stelle müssten wir und ihr uns zusammen noch einmal Gedanken machen, wie so ein Gespräch geführt werden könnte)

  • 4. ein Gespräch mit einer vermittelnden Person (bzw. Freund*innen die für euch sprechen), falls für euch ein direktes Treffen nicht gewünscht sein sollte


Wir möchten Betroffenen die Achtsamkeit entgegenbringen, die sie sich wünschen. Wenn es irgendetwas gibt, dass wir aktuell oder zukünftig dazu beitragen können, damit Betroffene das erhalten, was sie jetzt brauchen oder ihr uns sagen möchtet, an welcher Stelle wir wen unterstützen können, dann meldet euch gerne bei uns.



Kapitel 4: Unsere Bedürfnisse und Grenzen


Für einen möglichen Austausch ist es wichtig, dass die Bedürfnisse und Grenzen aller Gesprächspartner*innen gehört und berücksichtigt werden. 

Wir haben mittlerweile an einigen Stellen unsere Bedürfnisse und Wünsche mitgeteilt. Hier möchten wir diese nochmal zusammenfassen und mit eigenen Grenzen für einen möglichen Austausch mit anderen Menschen ergänzen. 

Wir vermeiden es, Namen zu nennen oder personenbezogen über Details zu sprechen. Uns ist ein Austausch auf Augenhöhe wichtig und wir erhoffen uns hierfür eine faire und direkte Kommunikation ohne beleidigende und herabwürdigende Elemente. 

Wir möchten versuchen, den Austausch mit euch anzustoßen und fortzuführen. Wir freuen uns deshalb über und sind dankbar für Antworten und Feedback von euch.

Einige können sich vorstellen, auch als Einzelperson in ein Gespräch mit Betroffenen oder beteiligten Personen und Gruppen zu gehen. Es kann aber sein, dass das überfordert und letztendlich nicht förderlich ist für die Verständigung bzw. Aufarbeitung. Deshalb wäre es uns wichtig, mit mehreren Personen an einem Gespräch teilzunehmen, wenn das gewünscht ist. Außerdem teilen wir die meisten Nachrichten, Forderungen oder Vorhaben untereinander, um uns gegenseitig Feedback oder Unterstützung bieten zu können. 

Wir wollen versuchen, auf Wünsche und Forderungen von anderen einzugehen, möchten dabei aber auf unsere eigenen Grenzen achten.  Es ist uns wichtig, nicht immer wieder mit Forderungen oder Vorwürfen konfrontiert zu werden, die uns verletzen oder verurteilen.

  • Wir möchten nicht für die Taten oder die Unterstützung des Täters in seinen Taten verantwortlich gemacht werden. Den Begriff der Mittäterschaft verwenden wir hierbei absichtlich nicht, weil dieser immer wieder unterschiedlich ausgelegt wird

  • Der Vorwurf, dass wir nie an Betroffene gedacht hätten oder Schutzräume weiterhin missachten würde, ist für uns sehr verletzend und verurteilt uns grundsätzlich.

  • Dass wir Fehler gemacht haben, wissen wir. Auf Fehler, die wir bisher nicht gesehen haben, könnt ihr uns gerne aufmerksam machen. Aber bitte vermeidet es, verurteilende Feststellungen zu machen, ohne mit uns kommuniziert zu haben. Sagt uns gerne, was wir aus eurer Sicht falsch gemacht haben. Wir bitten darum, uns primär als Menschen wahrzunehmen, die Fehler gemacht haben.


Es fiel vielen Menschen in diesem Jahr (2020) phasenweise schwer, konstruktiv zu sein und sich auf die Aufarbeitung zu konzentrieren. Stattdessen überwog häufig die Ohnmacht und eine erneute Überforderung, mit der Situation umzugehen. Unsere Leben haben sich seit Januar grundlegend in Bezug auf Wohnort, Freund*innen, Arbeit und Freizeit verändert. Das war und ist oft immer noch schwer auszuhalten und nach wie vor schwierig zu akzeptieren. Inzwischen konnten einige von uns sich soweit stabilisieren, dass wir weitere Schritte, gerne zusammen mit euch, gehen wollen. Manchen von uns ist bisher nur eine phasenweise Stabilisierung gelungen, sodass die Beschäftigung mit der Thematik weiterhin stark belastet. 


Schlusswort


Einige von uns hatten schon sehr lange das Bedürfnis einen Weg zu einem kommunikativen Neuanfang zu finden. Damit haben wir uns aber sehr  unsicher gefühlt, deshalb versuchten wir uns mit möglichst vielen Außenstehenden über das Geschehene auszutauschen, umso besser zu verstehen, was eigentlich genau passiert ist und was das mit den Betroffenen und mit uns gemacht  hat. Es geht uns nicht um Schuldzuweisungen, sondern um den Anfang bzw. die Fortführung eines Dialoges.


Dieser Text ist nun das Ergebnis davon. Das bedeutet aber nicht, dass wir am Ende des Prozesses angekommen sind. Es war ein langwieriges Unterfangen, die verschiedenen Perspektiven und Positionen der Mitschreibenden in einem gemeinsamen Text unterzubringen.


Danke an all die Menschen, die uns bei diesem Text und in den letzten Monaten unterstützt haben; die für uns da waren, mit uns reflektiert und gestritten haben. Danke an all die, die ihre Türen haben offenstehen lassen oder wieder öffnen und uns so dabei geholfen haben vorwärts zu kommen und nicht stehen zu bleiben.


Danke an die vielen offenen Ohren und danke an alle, die sich mit unseren Texten auseinandersetzen. Danke auch an alle, die sich mit sexualisierter Gewalt und patriarchalen Strukturen und Machtdynamiken in unserer Gesellschaft kritisch auseinandersetzen und ihnen etwas entgegensetzen.


Wir bedauern das Leid, was wir mit unserem (Nicht-) Handeln verursacht haben und möchten um Verzeihung bitten. Allen Betroffenen gilt unser vollstes Mitgefühl. 

Wir hoffen, dass ein gemeinsamer Heilungs- und Aufarbeitungsprozess möglich ist. Deshalb begegnen wir euch hier mit unserer ganzen Ehrlichkeit und Verletzlichkeit.


Danke für deine Zeit und danke fürs Lesen.


Felix, Julian, Laurens, Paul, Tina, Vicky und eine weitere Person